Kapitel 1

VOMPORSCHEZUM VAN

Wir waren gerne als Erste am Berg, wenn die Letzten noch am See waren.

Sternenhimmel über uns. Niemand mehr da. Nur Kälte, Ruhe und dieses Gefühl, dass Freiheit vielleicht gar nicht laut sein muss.

In München, unserer Wahlheimat, nicht weit entfernt von unserer eigentlichen Heimat, dem Allgäu, war damals der Porsche das sichtbare Symbol für Erfolg. Wer es geschafft hatte, fuhr Porsche. Also war das Ziel klar: so viel arbeiten, dass irgendwann auch einer vor der Tür steht.

2009 machte ich mich mit meiner eigenen Medienproduktion selbstständig. Ich kam aus dem DVD- und Blu-ray-Authoring, einer Nische, die ich von Beginn an gelernt hatte. Eine technische Welt voller Spezifikationen, Prüfungen, Menüs, Untertitel, Audiospuren, Regionen, Sperren, Frames und Fehlerquellen.

Eine DVD wirkte für den Kunden wie ein fertiges Produkt. Für mich war sie ein Minenfeld.

Ein falscher Frame.

Eine defekte Datei. Ein Satz im Untertitel an der falschen Stelle. Ein Menü, das auf einem Player funktionierte und auf einem anderen nicht.

Wenn eine Disc bereits gepresst war, konnte ein einziger Fehler eine komplette Auflage vernichten. Zehntausende Datenträger, Verpackungen, Lieferketten, Beschwerden, Rückläufer, Neupressungen. Plötzlich hing an einem Untertitel nicht nur ein Film, sondern ein ganzer wirtschaftlicher Schaden.

Selbstständigkeit bedeutete nicht Freiheit. Sie bedeutete Verantwortung. Steuern. Vorschüsse. Löhne. Deadlines. Nächte im Büro. Und jeden Monatsanfang wieder die Frage, ob am Monatsende genug da sein würde.

Die Jahre vergingen. Immer noch kein Porsche.

Was stattdessen kam, war Erschöpfung. Und die Art von Betäubung, die sich lange als Entspannung tarnt. Der Wunsch, einfach abzuhauen, wurde immer lauter. Raus aus dem Büro. Raus aus der Taktung. Raus aus einem Leben, in dem Erfolg nach außen sichtbar sein sollte, aber innen immer weniger Luft ließ.

Als wir schließlich für den neuen Apple TV Apps entwickeln durften, schmiss ich meine Sachen in meinen BMW Touring, nahm Kameras mit und fuhr an den Walchensee. Ich wollte Ambient-Wallpaper filmen. Morgenstimmung, Mittag, Wasser, Wiesen, Wasserfälle, Nebel, Licht.

Es blieb nicht beim Walchensee. Es wurden über hundert Seen, Wiesen, Wasserfälle und Landschaften.

Jedes Mal, wenn ich die Kamera aufbaute, musste ich warten. Manchmal eine Stunde lang. Am selben Platz. Ohne Kundenmail. Ohne Menüprüfung. Ohne Deadline. Nur sitzen, schauen, hören, nichts tun.

Und ich merkte, wie gut mir das tat.

Auch das Übernachten im Auto. Dieses primitive, einfache Dasein. Eine Kamera. Ein Schlafplatz. Ein See. Ein Morgen.

Im Hinterhof meines damaligen Büros waren Musikräume. Musiker kamen zum Be- und Entladen, meistens abends oder am Wochenende. Also genau dann, wenn ich ohnehin noch da war.

An einem lauen Sommertag saß ich mit einem kühlen Bier auf der Terrasse, als ein silberner VW T4 in den Hof fuhr. Ein Musiker lud Instrumente ein. Ich sah den Bus, wie viel hineinpasste, wie selbstverständlich dieses Auto wirkte, und sagte: „Cooles Auto.“

Er erzählte, dass er sogar einen Kühlschrank eingebaut hatte. Immer kaltes Bier dabei.

Mehr Argumente gegen einen Porsche konnte man eigentlich nicht bringen.

Der Porsche versprach Status. Der Bus versprach Verschwinden.

Und genau in dieser Zeit veränderte sich der Code von Erfolg. In München wurde der Camper langsam zum neuen Statussymbol. Nicht, weil er billiger war — oft kostete er fast so viel wie ein Sportwagen. Sondern weil er ein anderes Versprechen trug.

Nicht schneller fahren. Sondern wegfahren.

Nicht Besitz zeigen. Sondern Zeit besitzen.

Freizeit wurde zum wahren Reichtum.

Freiheit zum neuen Luxus.

Also kaufte ich mir einen VW T5. Mit Bett, Hochdach, Kühlschrank und Küche. Das volle Paket. Ein Fahrzeug, mit dem ich abhauen konnte. Wallpaper filmen. Früh am See sein. Als Erster am Berg. Allein unter Sternen.

Aber innen war der Bus grau und steril wie ein OP-Saal.

Für ein Fahrzeug, das Freiheit versprach, fühlte sich der Innenraum erstaunlich fremd an. Vorgegeben. Fertig. Unpersönlich. Ein System, in das man sich einzufügen hatte.

Nach einem Ausflug in die Berge sah ich auf die Rückseite der Sitzlehne. Dort hing ein 08/15-Organizer, den ich bei Amazon gekauft hatte. Neongrün. Ausgeleiert nach wenigen Touren. Die Farbe gefiel mir nicht. Es passte nichts richtig hinein. Er war funktional gemeint, aber ohne Charakter, ohne Haltung, ohne Bezug zu diesem Raum.

Warum nicht einen eigenen bauen?

Ich bat meine damalige Freundin, mir bei der Entwicklung eines maßgeschneiderten Organizers für die Sitzrückseite zu helfen. Sie fand die Idee gut und spannte ihre Schwester ein, die nähen konnte.

Die Rückwand sollte aus Teppich-Filz bestehen. Robust, pflegeleicht, gemütlich. Die Taschen sollten verstärkt sein, aus Stoffen, die nicht nach Wohnzimmer aussahen, sondern nach draußen. Nach Rucksack. Nach Material, das etwas aushält.

Cordura® war einer der bekanntesten Outdoorstoffe. Wasserabweisend, abriebfest, stabil, leicht zu reinigen. Ich wollte die schmale Grenze zwischen Innen und Außen nicht mit herkömmlichen Stoffen bauen. Der Camper war kein Wohnzimmer. Er war auch kein Auto. Er war ein Zwischenraum. Also musste das Material ebenfalls dazwischen liegen.

Die Entwicklung bis zum ersten Prototypen dauerte ein halbes Jahr. Rückschläge wurden Teil des Produkts. Falsche Abmessungen erzeugten eine Lippe und eine Wulst an der Tasche. Eigentlich ein Fehler. Aber sie sah gut aus. Sie gab dem Produkt Charakter.

Sichtbare Nähte. Robuste Kanten. Silberne Knöpfe. Eine Kordel mit T-Stopper. Material, das nicht so tat, als wäre es perfekt.

Buchseite 12, oben
Buchseite 12, unten
Buchseite 13

Nichts davon war reine Gestaltungsgeste. Vieles entstand, weil es nicht anders ging. Aber genau dadurch bekam das Produkt seine Sprache.

Dann kam das Problem mit der Nähmaschine.

Die mit Filz gefütterten Taschen durch die Filz-Basisplatte zu nähen, bedeutete knapp einen Zentimeter Material. Selbst eine alte Ledernähmaschine von Pfaff, die ich bei Kleinanzeigen kaufte, hielt nicht lange durch.

Ich war verzweifelt und suchte nach einer Lösung.

In den ganzen Materialien, die ich über die Zeit bestellt hatte, lagen auch Druckknöpfe. Camping-Druckknöpfe. Für Planen, Segel, Gardinen. Viele alte Camper hatten solche Knöpfe bereits verbaut.

Ich wollte sie nicht für Gardinen verwenden.

Ich wollte sie in die Basisplatte setzen. Und in die Taschen.

Damit man die Taschen anbringen konnte, ohne sie festzunähen.

Also entwarf ich ein Raster. Zwei Druckknöpfe für die kleinen Taschen, vier für die größeren. Eine kleine und eine mittlere Tasche passten nebeneinander. Darunter noch einmal. Unten die große Tasche. Seitlich D-Ringe, falls man etwas anhängen wollte.

Der Plan ging auf.

Die Taschen hielten.

Aber dann passierte etwas Entscheidendes: Ich merkte, dass man sie nicht nur befestigen konnte. Man konnte sie verändern.

Jede Tasche konnte an eine andere Stelle. Jedes Modul konnte neu gesetzt werden. Vor jedem Roadtrip konnte man entscheiden, was man mitnimmt, wo es hängt, welche Ordnung man braucht.

Aus einem Organizer wurde ein System.

Und aus Stauraum wurde Freiheit.

Der VW Bus wirkte plötzlich nicht mehr steril. Die Farben, die Materialien, die sichtbaren Knöpfe, die Taschen — alles griff in den Raum ein. Dinge, die vorher in Schubladen verschwanden und während der Fahrt klapperten, waren nun sichtbar, erreichbar, ruhig verstaut.

Ich nannte das System RYGG. Skandinavisch für Rücken. Oder hinten.

RYGG hing an der Rückseite des Sitzes, aber eigentlich hing dort etwas anderes: der erste Versuch, einen fertigen Raum nicht mehr hinzunehmen.

Auf einer Reise nach Portugal sahen Passanten auf einem Stellplatz den Organizer und fanden ihn so gut, dass sie ihn mir sofort abkaufen wollten. Ich lehnte ab. Ich brauchte ihn ja selbst.

Aber ich verstand: Da war Nachfrage.

Zuhause baute ich einen Shop, stellte eine Schneiderin ein, und wenige Wochen später hatten wir den ersten Käufer. Der Preis lag bei über 400 Euro. Handmade, hochwertige Materialien, aufwendig in der Produktion.

Ich dachte, das könnte schwierig werden.

War es nicht.

Die Zielgruppe hatte Camper, die oft über 100.000 Euro kosteten. Es waren Menschen, die während der Pandemie nicht fliegen konnten oder wollten und sich plötzlich ihre Freiheit auf vier Rädern kauften. Der Markt explodierte.

Viele dieser Fahrzeuge sahen aus wie Expeditionsmobile, obwohl sie wahrscheinlich nie eine ernsthafte Expedition sehen würden. Sandbleche auf dem Dach, sauber und unbenutzt. Schaufeln, die nie Schlamm berührt hatten. Schnorchel an Autos, die vermutlich nie einen Fluss durchqueren würden.

Mehr Schein als Sein.

Aber das war der Zeitgeist. Und wir waren mittendrin.

Während die Medienproduktion, die mich jahrelang getragen und erschöpft hatte, in der Pandemie fast zum Stillstand kam, begann VANTALE® zu wachsen.

Jahre später waren 22.000 Taschen produziert. Der Umsatz lag zeitweise bei über einer halben Million im Jahr. Und irgendwann tauchten auf Temu, Alibaba, Amazon und anderen Plattformen Autositz-Organizer auf, die ebenfalls als RYGG verkauft wurden.

Der Name war offenbar zum Suchbegriff geworden.

Andere Firmen kopierten uns. Aber selten als Weiterentwicklung. Meist als schlechte Übersetzung. Zu kleine Taschen. Klett statt Druckknopf. Kein Halt. Dünne Materialien. Billige Ware, die bald wieder kaputtging.

Unser Produkt blieb teuer. Über 380 Euro. Die Kopien kosteten 99 Euro.

Viele Kunden sahen den Unterschied nicht. Oder wollten ihn nicht sehen. Oder konnten ihn sich nicht leisten.

Wir wurden für den Preis angegriffen. In Kommentaren, auf Messen, auf Vanlife-Treffen. Ausgerechnet in einer Community, die sich gerne als offen, frei und unabhängig verstand.

Aber vielleicht war das bereits der erste Hinweis auf das eigentliche Missverständnis.

VANTALE® wurde als Organizer gelesen. Als Stauraum. Als Zubehör. Als teures Vanlife-Produkt.

Aber das war nie der Kern.

Der Kern war: Du musst den Raum nicht so nehmen, wie er ist.

Du kannst ihn verändern. Du kannst ihn ordnen. Du kannst ihn färben. Du kannst ihn zu deinem eigenen System machen.

VANTALE® begann nicht mit dem Wunsch, ein Produkt zu verkaufen.

Es begann mit dem Wunsch, aus einem fertigen Raum auszubrechen.